Dienstag, 23. Januar 2007
JIMMY SOMERVILLE 1999
insomnia, 18:45h
Sommer 1999: Nach dem Hamburger CSD stand nachts auf einer Party plötzlich Jimmy Somerville vor mir und steckte mir die Zunge in den Hals. Das ging nun irgendwie gar nicht, schließlich war er mit Bronski Beat und den Communards Jugendidol und Starthilfe zum eigenen Coming Out (geht sicher dem einen oder anderen in meinem Alter genauso). Ich machte also ein dummes Gesicht und er verschwand wieder.
Das hatte mich zumindest angespornt, für eine Woche später ein Interview in Hannover zu organisieren. Und das ging ziemlich problemlos, da die dort ansässige Plattenfirma SPV zu dem Zeitpunkt für ihn und seine Auftritte zuständig war.
So besuchte ich ihn vor seinem Auftritt im Hotel um ihn dann bei Sonnenschein auf der Terasse zu befragen. Heraus kam ein kleines - fast zeitloses - Dokument auf das ich auch heute noch durchaus stolz bin.
PS Die Zunge in den Hals gesteckt hatte der mir dann aber nicht nochmal ;-)

Jimmy Somerville war Bronski Beat. Und er war The Communards. Jetzt ist er nur noch Jimmy Somerville. Seine schwulen Fans lieben ihn trotzdem für Hits wie "Smalltown boy", "Read my lips" und "Don`t leave me this way" aus alten Zeiten. Diesen Sommer tourte er durch Deutschland und nahm fast jeden großen CSD mit, um sein neues Album "Manage the damage" vorzustellen. Ein Interview gehört da zur Pflicht jedes schwulen Mediums. So haben auch wir mit dem Sänger gesprochen, als er das Expo 2000 für einen Auftritt besuchte.
Ich unterhielt mich mit dem Star der schwulen 80er Jahre über die Christopher Street Day Bewegung in Deutschland und Großbritannien, über die Gay Bewegung der 80er Jahre im Vergleich zu heute und über seine Entwicklung über die Jahre. Außerdem sprachen wir über sein Album "Manage the damage" und den Grund, warum er trotzdem immer noch die Klassiker wie "Never can say goodbye" präsentiert.

Hi Jimmy! Du scheinst Deutschland zu mögen. Dieses Jahr bist du auf mehreren großen CSDs gewesen und tourst auch sonst durch die kleinen Clubs Deutschlands.
Jimmy : Ja, mir gefällt es hier. In Deutschland beschäftigen sich die Leute z.B. auf einer anderen intellektuellen Ebene mit mir, mit meiner Arbeit und mit meinem neuen Album. Hier kann ich über Themen diskutieren. Es gibt Menschen, die setzen sich hier seit dem Beginn meiner Karriere mit mir und meinen Gefühlen auseinander. Und das ist schön. In den Uk herrscht gerade mir gegenüber eine Art Desinteresse.
Wie unterscheidet sich die deutsche Szene von der britischen? Und wie die CSDs?
Jimmy: In den UK ist auch die Szene sehr kalt und fast unfreundlich. Dagegen sind die Leute in Deutschland relaxter. Es ist eigenartig. Die Deutschen haben den Ruf, daß sie sehr steif, gradlinig und organisiert sind. Aber gleichzeitig zeigen sie z.B. auf den CSDs, daß sie feiern wollen. Sie machen eine Party gleich zu einem Event. Und jeder möchte einfach nur Spaß haben. Wir haben auch schwule Festivals, aber die sind irgendwie langweilig. Hier ist die Atmosphäre der Paraden viel besser. Besonders in Köln ist der Christopher Street Day gewaltig. Es ist ein Gay Event. Die Leute sagen "Das ist unser Gay Tag. Das ist unser Tag, um unseren Spaß zu haben und jedem zu zeigen, wer und was wir sind. Aber jeder ist willkommen und kann dran teilnehmen." Niemand wird ausgeschlossen. Aber gleichzeitig bleibt die Erinnerung an die Vergangenheit, weil es der Christopher Street Day ist. In London haben sie dieses Jahr nicht einmal gewagt, das Ganze mit "Schwul" und "Lesbisch" zu betiteln. Wo bleibt der historische Bezug? That sucks!
Glaubst Du, daß die CSDs in Deutschland so viel politischer sind?
Jimmy: Ich denke, in Deutschland ist es gar nicht nötig, daß es so offensichtlich politisch ist. Natürlich gibt es auch hier Schwulenfeindlichkeit und Gewalt. Aber insgesamt scheint es für mich hier toleranter zu sein als in vielen anderen Ländern. Trotz unterschiedlicher sexueller Gesinnung kann man hier miteinander feiern, Spaß haben und darüber hinaus auch miteinander leben und auskommen. Nun gut, ich lebe nicht hier und kann es nicht so beurteilen. Den Eindruck habe ich aber hier gewonnen, als ich das letzte Mal für mehrere Tage in Köln war und mir die Stadt angesehen habe. Ich finde es nur schade, daß die Szene nicht so gemischt ist, besonders was die Schwulen und die Lesben untereinander betrifft. Das ist in den UK etwas anders. Dort gehen die Schwulen und die Lesben viel mehr gemeinsam in die Bars und Diskotheken.
Wobei ich behaupte, daß sich das an den CSD Tagen schon mehr vermischt als normal. Sonst gibt es häufig eine Trennung in Schwulen Treffs und Lesben Treffs. Und einige Clubs sind nur für Männer geöffnet.
Jimmy: Klar, da geht’s dann um Sex. Da würden viele Männer sich unwohl fühlen, wenn sie cruisen und Sex haben, während soviel Frauen da sind. Da geht es nur um den Schwanz.
Ist auch okay! Aber mein Eindruck ist, daß Schwule und Lesben nur an diesem einen Tag zum CSD zusammenkommen.
Jimmy: Und das ist eigentlich traurig. Es sollte mehr gemischte Clubs geben. Aber natürlich auch Clubs nur für Männer, die Sex haben wollen.
Es hat sich sicher einiges seit den 80er Jahren getan was die schwule Szene betrifft. Seit dem Anfang deiner Karriere hat sich eine Menge verändert. Bist Du rückblickend mit der Entwicklung zufrieden?
Jimmy: Nun gut, es ist immer noch nicht genug passiert. Und das Traurige ist, es wird nie richtig okay sein. Wie beim Rassismus wird es immer Menschen geben, die soweit gehen, dem anderen sogar das Recht auf Existenz nehmen zu wollen. Und solche Leute mit so einem Haß wird es leider immer geben.
Insgesamt ist die Toleranz gegenüber der anderen sexuellen Orientierung viel größer geworden. Es ist so viel einfacher für junge Schwule und Lesben geworden, auch wenn das Coming Out nach wie vor eine schwierige Sache ist. Aber es gibt auch viel mehr Möglichkeiten, Hilfe in Anspruch zu nehmen als in den 80ern.
In den 80ern hatten wir zu tun mit HIV, Aids und den Folgen. Es war eine Zeit der Ablehnung von Sex und eine Atmosphäre der Angst, in der Aids auch zur Diskriminierung von gerade schwulen Menschen benutzt wurde. Die Ironie ist, daß viele Menschen Aktivisten wurden, weil es Aids und eine erneute Welle von Schwulenangst gab. Ich denke, ich war Mitte der 80er einer dieser Aktivisten. Meine Wut und meine Aktivität haben dazu geführt, daß auch andere sich aufgestanden sind und sich dagegen gewehrt haben.
Denkst Du, daß du genug erreicht hast oder mußt Du nach wie vor aktiv sein?
Jimmy: Ich muß weiter aktiv sein, denn es gibt nach wie vor z.B. in Großbritannien Gesetze, die mich diskriminieren. Und solange das so ist, solange ich nicht dieselben Rechte habe wie andere Menschen, solange muß ich weitermachen. Ich möchte nicht, daß meine Sexualität politisch ist, aber wenn Du die Diskriminierung siehst, dann mußt Du politisch sein.
Und Deine eigenen Stücke scheinen immer etwas davon zu transportieren. Gibt es da das betreffend einen Unterschied zwischen dem neuen Album "Manage the damage" und den alten Stücken?
Jimmy: Ich denke, einige neue Stücke sind persönlicher geworden als die alten. Sie handeln davon, wie ich mich selbst fühle als ein 38jähriger schwuler Mann, der seit seinem 14ten Lebensjahr offen schwul lebt. Was bedeutet meine sexuelle Orientierung für mich? Wie wird sie sein, was hat sie bisher für mich bedeutet. Ich stelle mir eine Menge Fragen über mein eigenes Leben.
Andererseits gibt es auch wieder Stücke, die politisch sind oder aus dem Leben gegriffen. "Something to live for" handelt von Aids, Drogen und Medizin. Und dann gibt es "Girl falling down", wo es um Gewalt gegen Frauen geht, die wie "Zweite-Klasse-Menschen" behandelt werden. Ich habe nach wie vor eine politische Leidenschaft in mir.

Als ich das neue Album gehört habe, hatte ich das Gefühl, daß Stücke wie "Something to live for" so positiv und voller Lebensfreude sind, während die früheren Songs wie "Read my lips" oder "Why" gleichzeitig sehr aggressiv und sehr melancholisch waren ...
Jimmy: In der Vergangenheit wollte ich aggressiv sein, aber gleichzeitig eine breitere Masse ansprechen mit melancholischen Melodien, um etwas in den Menschen zu bewegen. "Smalltown boy" ist ein sehr universeller Song über Verlassen, Individualität, aber auch über Gemeinschaft, Familie. Der Song sollte sentimental sein, um mehr Leute anzusprechen. Nun ist es mir egal, was die Masse sagt, weil ich die Stücke für mich selbst geschrieben habe. Wenn andere sie mögen, ist es fein, aber die Songs sind für mich über mich. Wenn andere es nicht mögen, ist es mir egal.
Ich hatte auch das Gefühl, Songs wie "My life" und "Here I am" sind von einem Menschen, der im Leben einmal stehen bleibt, die Vergangenheit reflektiert und gleichzeitig über seine Zukunft nachdenkt.
Jimmy: Darum geht es in dem Album auch. Ich habe Texte geschrieben, in denen ich mich gefragt habe, was ich denke und was ich fühle. Ich bin immer noch in manchen Fragen über mich unsicher.
"Here I am" ist erst einmal eine Phantasie. Ich bin nicht religiös, glaube nicht an Gott. Aber ich lebe in einer Welt, wo ich von religiösem Glauben umgeben bin. Ich frage mich, was ist, wenn ich mich irre. Wie schrecklich oder wie witzig wäre das? Wenn es so etwas wie einen Gott gibt und ich sterbe, wo gehe ich hin oder bleibe ich hier? Die Story handelt von der Phantasie eines Geisterdarseins, in dem der Betroffene Abstand gewinnen möchte von der Idee des Gottes oder Teufels. Der einfach nur hier bleiben möchte bei Freunden aus Angst alles zurückzulassen. Andererseits kommt der Song am Ende zu dem Punkt, wo alles sinnlos ist, weil als Geist kann dich niemand sehen. "Ich bin hier, kannst du mich fühlen". Ich denke, letztendlich ist der Song aber mehr als eine Phantasie.
"My life" handelt letztendlich von mir mich fragend, was in meinem Kopf vor sich geht. Es ist ein persönlicher Song, den ich für mich geschrieben habe. Wenn er jemandem anders etwas gibt, dann ist das okay, aber das war mir nicht wichtig, weil der Song private Gefühle wiedergibt.
Aber gerade die Schwulen sehen Dich nicht als eine private Person ...
Jimmy: Sie sehen mich als Person 1984 oder 1987, aber seltener als Person 1999. Aber ich bin nicht mehr dieselbe Person wie 1987.
Sie sehen die Person mit "Smalltown boy" oder "There`s more to love". Das ist auch gar nicht negativ gemeint. Viele Schwule in Deinem Alter und jünger hatten ihr persönliches Coming Out mit diesen Songs.
Jimmy: Das finde ich großartig. Das bedeutet mir sehr viel. Andererseits ist es aber auch wie eine Bürde. Es ist alles so weit weg von dem, was jetzt um mich passiert. Meine Vergangenheit ist wichtig, aus der Vergangenheit entsteht die Gegenwart und die Zukunft, aber ich muß nach vorne schauen.

Ist das nicht auch schwierig, die Leute live für neue Songs zu interessieren? Statt immer nur "Never can say goodbye" und "Don`t leave me this way"?
Jimmy: Viele Leute kennen und mögen "Smalltown Boy" und "Don`t leave me this way". Es wäre schrecklich, dann nur neue Sachen zu spielen. Und es wäre auch absolut arrogant. Aber natürlich stelle ich auch neue Sachen vor. Deshalb bin ich ja unterwegs.
Wie ist das, als Jimmy Somerville privat unterwegs zu sein. Wenn Du zum Beispiel im Club einen netten Jungen siehst und ihm kreist nur durch den Kopf "Oh Jimmy Somerville the one with Smalltown Boy". Und Du möchtest vielleicht privat was von ihm ...
Jimmy: Die Situation ist okay und normal. Aber wenn ich betrunken bin, werde ich etwas aufdringlich, dann kann ich damit nicht besonders gut umgehen. Wie jeder gehe ich in einen Club, trinke was und denke an Sex. Da ist es für mich nicht ganz einfach. Aber man kommt über das, was ich mache, ins Gespräch und vielleicht wird die Unterhaltung privater. Vielleicht wird etwas Sexuelles daraus oder man baut sogar eine Beziehung zwischen sich auf. Ich weiß, daß wir uns kennengelernt haben, weil ich der und der bin. Aber ich muß mich dann als ich selbst einbringen. Und ich bin vielleicht nicht nur das nette freundlich, lächelnde Gesicht, sondern auch nur ein Mensch mit guten und schlechten Eigenschaften.
Das Interview wurde in verkürzter Form im Scene Guide 9/99 veröffentlicht
Übersicht
Das hatte mich zumindest angespornt, für eine Woche später ein Interview in Hannover zu organisieren. Und das ging ziemlich problemlos, da die dort ansässige Plattenfirma SPV zu dem Zeitpunkt für ihn und seine Auftritte zuständig war.
So besuchte ich ihn vor seinem Auftritt im Hotel um ihn dann bei Sonnenschein auf der Terasse zu befragen. Heraus kam ein kleines - fast zeitloses - Dokument auf das ich auch heute noch durchaus stolz bin.
PS Die Zunge in den Hals gesteckt hatte der mir dann aber nicht nochmal ;-)
Exclusiv Interview mit Jimmy Somerville
vor seinem Auftritt im Expocafé 2000 im Juli 1999

Jimmy Somerville war Bronski Beat. Und er war The Communards. Jetzt ist er nur noch Jimmy Somerville. Seine schwulen Fans lieben ihn trotzdem für Hits wie "Smalltown boy", "Read my lips" und "Don`t leave me this way" aus alten Zeiten. Diesen Sommer tourte er durch Deutschland und nahm fast jeden großen CSD mit, um sein neues Album "Manage the damage" vorzustellen. Ein Interview gehört da zur Pflicht jedes schwulen Mediums. So haben auch wir mit dem Sänger gesprochen, als er das Expo 2000 für einen Auftritt besuchte.
Ich unterhielt mich mit dem Star der schwulen 80er Jahre über die Christopher Street Day Bewegung in Deutschland und Großbritannien, über die Gay Bewegung der 80er Jahre im Vergleich zu heute und über seine Entwicklung über die Jahre. Außerdem sprachen wir über sein Album "Manage the damage" und den Grund, warum er trotzdem immer noch die Klassiker wie "Never can say goodbye" präsentiert.

Hi Jimmy! Du scheinst Deutschland zu mögen. Dieses Jahr bist du auf mehreren großen CSDs gewesen und tourst auch sonst durch die kleinen Clubs Deutschlands.
Jimmy : Ja, mir gefällt es hier. In Deutschland beschäftigen sich die Leute z.B. auf einer anderen intellektuellen Ebene mit mir, mit meiner Arbeit und mit meinem neuen Album. Hier kann ich über Themen diskutieren. Es gibt Menschen, die setzen sich hier seit dem Beginn meiner Karriere mit mir und meinen Gefühlen auseinander. Und das ist schön. In den Uk herrscht gerade mir gegenüber eine Art Desinteresse.
Wie unterscheidet sich die deutsche Szene von der britischen? Und wie die CSDs?
Jimmy: In den UK ist auch die Szene sehr kalt und fast unfreundlich. Dagegen sind die Leute in Deutschland relaxter. Es ist eigenartig. Die Deutschen haben den Ruf, daß sie sehr steif, gradlinig und organisiert sind. Aber gleichzeitig zeigen sie z.B. auf den CSDs, daß sie feiern wollen. Sie machen eine Party gleich zu einem Event. Und jeder möchte einfach nur Spaß haben. Wir haben auch schwule Festivals, aber die sind irgendwie langweilig. Hier ist die Atmosphäre der Paraden viel besser. Besonders in Köln ist der Christopher Street Day gewaltig. Es ist ein Gay Event. Die Leute sagen "Das ist unser Gay Tag. Das ist unser Tag, um unseren Spaß zu haben und jedem zu zeigen, wer und was wir sind. Aber jeder ist willkommen und kann dran teilnehmen." Niemand wird ausgeschlossen. Aber gleichzeitig bleibt die Erinnerung an die Vergangenheit, weil es der Christopher Street Day ist. In London haben sie dieses Jahr nicht einmal gewagt, das Ganze mit "Schwul" und "Lesbisch" zu betiteln. Wo bleibt der historische Bezug? That sucks!
Glaubst Du, daß die CSDs in Deutschland so viel politischer sind?
Jimmy: Ich denke, in Deutschland ist es gar nicht nötig, daß es so offensichtlich politisch ist. Natürlich gibt es auch hier Schwulenfeindlichkeit und Gewalt. Aber insgesamt scheint es für mich hier toleranter zu sein als in vielen anderen Ländern. Trotz unterschiedlicher sexueller Gesinnung kann man hier miteinander feiern, Spaß haben und darüber hinaus auch miteinander leben und auskommen. Nun gut, ich lebe nicht hier und kann es nicht so beurteilen. Den Eindruck habe ich aber hier gewonnen, als ich das letzte Mal für mehrere Tage in Köln war und mir die Stadt angesehen habe. Ich finde es nur schade, daß die Szene nicht so gemischt ist, besonders was die Schwulen und die Lesben untereinander betrifft. Das ist in den UK etwas anders. Dort gehen die Schwulen und die Lesben viel mehr gemeinsam in die Bars und Diskotheken.
Wobei ich behaupte, daß sich das an den CSD Tagen schon mehr vermischt als normal. Sonst gibt es häufig eine Trennung in Schwulen Treffs und Lesben Treffs. Und einige Clubs sind nur für Männer geöffnet.
Jimmy: Klar, da geht’s dann um Sex. Da würden viele Männer sich unwohl fühlen, wenn sie cruisen und Sex haben, während soviel Frauen da sind. Da geht es nur um den Schwanz.
Ist auch okay! Aber mein Eindruck ist, daß Schwule und Lesben nur an diesem einen Tag zum CSD zusammenkommen.
Jimmy: Und das ist eigentlich traurig. Es sollte mehr gemischte Clubs geben. Aber natürlich auch Clubs nur für Männer, die Sex haben wollen.
Es hat sich sicher einiges seit den 80er Jahren getan was die schwule Szene betrifft. Seit dem Anfang deiner Karriere hat sich eine Menge verändert. Bist Du rückblickend mit der Entwicklung zufrieden?
Jimmy: Nun gut, es ist immer noch nicht genug passiert. Und das Traurige ist, es wird nie richtig okay sein. Wie beim Rassismus wird es immer Menschen geben, die soweit gehen, dem anderen sogar das Recht auf Existenz nehmen zu wollen. Und solche Leute mit so einem Haß wird es leider immer geben.
Insgesamt ist die Toleranz gegenüber der anderen sexuellen Orientierung viel größer geworden. Es ist so viel einfacher für junge Schwule und Lesben geworden, auch wenn das Coming Out nach wie vor eine schwierige Sache ist. Aber es gibt auch viel mehr Möglichkeiten, Hilfe in Anspruch zu nehmen als in den 80ern.
In den 80ern hatten wir zu tun mit HIV, Aids und den Folgen. Es war eine Zeit der Ablehnung von Sex und eine Atmosphäre der Angst, in der Aids auch zur Diskriminierung von gerade schwulen Menschen benutzt wurde. Die Ironie ist, daß viele Menschen Aktivisten wurden, weil es Aids und eine erneute Welle von Schwulenangst gab. Ich denke, ich war Mitte der 80er einer dieser Aktivisten. Meine Wut und meine Aktivität haben dazu geführt, daß auch andere sich aufgestanden sind und sich dagegen gewehrt haben.
Denkst Du, daß du genug erreicht hast oder mußt Du nach wie vor aktiv sein?
Jimmy: Ich muß weiter aktiv sein, denn es gibt nach wie vor z.B. in Großbritannien Gesetze, die mich diskriminieren. Und solange das so ist, solange ich nicht dieselben Rechte habe wie andere Menschen, solange muß ich weitermachen. Ich möchte nicht, daß meine Sexualität politisch ist, aber wenn Du die Diskriminierung siehst, dann mußt Du politisch sein.
Und Deine eigenen Stücke scheinen immer etwas davon zu transportieren. Gibt es da das betreffend einen Unterschied zwischen dem neuen Album "Manage the damage" und den alten Stücken?
Jimmy: Ich denke, einige neue Stücke sind persönlicher geworden als die alten. Sie handeln davon, wie ich mich selbst fühle als ein 38jähriger schwuler Mann, der seit seinem 14ten Lebensjahr offen schwul lebt. Was bedeutet meine sexuelle Orientierung für mich? Wie wird sie sein, was hat sie bisher für mich bedeutet. Ich stelle mir eine Menge Fragen über mein eigenes Leben.
Andererseits gibt es auch wieder Stücke, die politisch sind oder aus dem Leben gegriffen. "Something to live for" handelt von Aids, Drogen und Medizin. Und dann gibt es "Girl falling down", wo es um Gewalt gegen Frauen geht, die wie "Zweite-Klasse-Menschen" behandelt werden. Ich habe nach wie vor eine politische Leidenschaft in mir.

Als ich das neue Album gehört habe, hatte ich das Gefühl, daß Stücke wie "Something to live for" so positiv und voller Lebensfreude sind, während die früheren Songs wie "Read my lips" oder "Why" gleichzeitig sehr aggressiv und sehr melancholisch waren ...
Jimmy: In der Vergangenheit wollte ich aggressiv sein, aber gleichzeitig eine breitere Masse ansprechen mit melancholischen Melodien, um etwas in den Menschen zu bewegen. "Smalltown boy" ist ein sehr universeller Song über Verlassen, Individualität, aber auch über Gemeinschaft, Familie. Der Song sollte sentimental sein, um mehr Leute anzusprechen. Nun ist es mir egal, was die Masse sagt, weil ich die Stücke für mich selbst geschrieben habe. Wenn andere sie mögen, ist es fein, aber die Songs sind für mich über mich. Wenn andere es nicht mögen, ist es mir egal.
Ich hatte auch das Gefühl, Songs wie "My life" und "Here I am" sind von einem Menschen, der im Leben einmal stehen bleibt, die Vergangenheit reflektiert und gleichzeitig über seine Zukunft nachdenkt.
Jimmy: Darum geht es in dem Album auch. Ich habe Texte geschrieben, in denen ich mich gefragt habe, was ich denke und was ich fühle. Ich bin immer noch in manchen Fragen über mich unsicher.
"Here I am" ist erst einmal eine Phantasie. Ich bin nicht religiös, glaube nicht an Gott. Aber ich lebe in einer Welt, wo ich von religiösem Glauben umgeben bin. Ich frage mich, was ist, wenn ich mich irre. Wie schrecklich oder wie witzig wäre das? Wenn es so etwas wie einen Gott gibt und ich sterbe, wo gehe ich hin oder bleibe ich hier? Die Story handelt von der Phantasie eines Geisterdarseins, in dem der Betroffene Abstand gewinnen möchte von der Idee des Gottes oder Teufels. Der einfach nur hier bleiben möchte bei Freunden aus Angst alles zurückzulassen. Andererseits kommt der Song am Ende zu dem Punkt, wo alles sinnlos ist, weil als Geist kann dich niemand sehen. "Ich bin hier, kannst du mich fühlen". Ich denke, letztendlich ist der Song aber mehr als eine Phantasie.
"My life" handelt letztendlich von mir mich fragend, was in meinem Kopf vor sich geht. Es ist ein persönlicher Song, den ich für mich geschrieben habe. Wenn er jemandem anders etwas gibt, dann ist das okay, aber das war mir nicht wichtig, weil der Song private Gefühle wiedergibt.
Aber gerade die Schwulen sehen Dich nicht als eine private Person ...
Jimmy: Sie sehen mich als Person 1984 oder 1987, aber seltener als Person 1999. Aber ich bin nicht mehr dieselbe Person wie 1987.
Sie sehen die Person mit "Smalltown boy" oder "There`s more to love". Das ist auch gar nicht negativ gemeint. Viele Schwule in Deinem Alter und jünger hatten ihr persönliches Coming Out mit diesen Songs.
Jimmy: Das finde ich großartig. Das bedeutet mir sehr viel. Andererseits ist es aber auch wie eine Bürde. Es ist alles so weit weg von dem, was jetzt um mich passiert. Meine Vergangenheit ist wichtig, aus der Vergangenheit entsteht die Gegenwart und die Zukunft, aber ich muß nach vorne schauen.

Ist das nicht auch schwierig, die Leute live für neue Songs zu interessieren? Statt immer nur "Never can say goodbye" und "Don`t leave me this way"?
Jimmy: Viele Leute kennen und mögen "Smalltown Boy" und "Don`t leave me this way". Es wäre schrecklich, dann nur neue Sachen zu spielen. Und es wäre auch absolut arrogant. Aber natürlich stelle ich auch neue Sachen vor. Deshalb bin ich ja unterwegs.
Wie ist das, als Jimmy Somerville privat unterwegs zu sein. Wenn Du zum Beispiel im Club einen netten Jungen siehst und ihm kreist nur durch den Kopf "Oh Jimmy Somerville the one with Smalltown Boy". Und Du möchtest vielleicht privat was von ihm ...
Jimmy: Die Situation ist okay und normal. Aber wenn ich betrunken bin, werde ich etwas aufdringlich, dann kann ich damit nicht besonders gut umgehen. Wie jeder gehe ich in einen Club, trinke was und denke an Sex. Da ist es für mich nicht ganz einfach. Aber man kommt über das, was ich mache, ins Gespräch und vielleicht wird die Unterhaltung privater. Vielleicht wird etwas Sexuelles daraus oder man baut sogar eine Beziehung zwischen sich auf. Ich weiß, daß wir uns kennengelernt haben, weil ich der und der bin. Aber ich muß mich dann als ich selbst einbringen. Und ich bin vielleicht nicht nur das nette freundlich, lächelnde Gesicht, sondern auch nur ein Mensch mit guten und schlechten Eigenschaften.
Das Interview wurde in verkürzter Form im Scene Guide 9/99 veröffentlicht
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