Sonntag, 14. Januar 2007
"DAS ICH" 1999
Stichwort: Das Ich
aus der Erzählung „Leben in der Männerfabrik“


*Hi mein Name ist Chris und ich bin schwul ...

Was klingt wie bei den Anonymen Alkoholikern, hat längst seine böse Bedeutung verloren. Auch viele heterosexuell veranlagte Menschen (ja, auch die gibt es noch) finden das inzwischen cool. Es ist nicht mehr so, daß man wegen seiner Veranlagung geächtet und verfolgt wird. Auch die Diskriminierung ist kaum noch existent ... zumindest in der Großstadt. Diskriminierung hat dort kaum noch Sinn, denn irgendwie sind wir überall. Und auch Du kannst dem Schwulsein ja nicht ganz abgetan sein. Sonst würdest Du Dich ja hiermit nicht befassen.

„ICH“ ... das erst einmal wichtigste Wort in einem Leben. Die Person, mit der man wirklich eine Ewigkeit auskommen muß. Der wichtigste Bezug, den man im Leben hat. Die Ehe, die für immer halten muß. Die Person, vor der man sich rechtfertigen muß, mit der man sich arrangieren muß, die immer da ist. Nur dem „Ich“ gegenüber muß man treu sein. Man kann sich nicht einfach trennen und vorbei ist vorbei. Was klingt nach purem Egoismus, ist die vielleicht entscheidende Erkenntnis, die man im Laufe der Zeit macht. Wenn Du an Dich selbst glaubst, wenn Du Dich selbst liebst, dann glauben auch andere an Dich, bist Du liebenswert.

„ICH BIN“ ... die Grundvoraussetzung eines jeden Daseins. „Ich denke also bin ich“. Eine Weisheit, die unserer Existenz als das höchste Gut des Lebens darstellt. Selbst wenn ich nichts mehr habe, wenn mir alles genommen wurde bis auf einen Scherbenhaufen, wenn ich nur noch die reine Existenz als Hab und Gut besitze, selbst dann bin ich immer noch und das ist der wichtigste Besitz, den mir keiner nehmen kann und darf.

„ICH BIN SCHWUL“ ... hmmm ... hmmm ... hmmm ... scheiße. Das ist wahrscheinlich erst mal der Gedanke, der jedem durch den Kopf geht, wenn man diesen Satz hört oder auch sich selbst sagen muß. Nur wie gesagt, es ist keine Schande mehr, schwul zu sein. Und Deine Mutter wird Dir „verzeihen“. Für den Vater ist es eine harte Erkenntnis. Nur Du mußt zu Dir selbst stehen. In jeder Konsequenz. Und wenn jemand ... auch Dein Vater ... nicht damit klarkommen, dann ist es sein Problem. Du mußt Dein Leben leben, nicht dein Vater und auch sonst niemand anders. Du mußt damit klarkommen, sonst niemand. Und eine verleugnete Existenz ist kein Leben. Also sei was Du sein willst. Sei schwul und lebe damit und danach. Finde Deine eigenen Regeln für Dein Schwulsein in einer Vielzahl von Varianten. Du muß nichts anderes sein als das, was Du sein möchtest und was Du in Dir fühlst. JUST BE!
*

Das habe ich auf meiner alten Festplatte entdeckt
(übrigens nachdem ich den Eingangstext DAS ICH verfasst habe).
Datiert zum 19.07.1999 16:35.

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